Über die Kunst des guten Sterbens



Kapitel 11. Die zehnte Regel der Kunst des guten Sterbens: Hinweise aus dem Sakrament der Firmung



Auf das Sakrament der Taufe folgt das Sakrament der Firmung, aus dem sich nicht weniger nützliche Hinweise für ein gutes Leben gewinnen lassen als aus der Taufe. Denn obwohl das Sakrament der Taufe notwendiger ist als das Sakrament der Firmung, ist doch das Sakrament der Firmung edler als das Sakrament der Taufe. Dies kann man erkennen, wenn man über den Spender, die Materie und die Wirkungen nachdenkt.

Ordentlicher Spender der Taufe ist der Priester oder der Diakon und im Notfall jedermann. Der ordentliche Spender der Firmung ist der Bischof und nur kraft besonderer Erlaubnis des Papstes auch ein Priester. Die Materie der Taufe ist schlichtes Wasser; die Materie der Firmung ist kostbares Öl, mit Balsam wohlriechend gemacht und vom Bischof geweiht. Wirkung der Taufe ist die Gnade, die das Prägemal verleiht, das erforderlich ist, um ein im Geist wiedergeborenes Kind hervorzubringen, wie der heilige Petrus sagt: „Wie neugeborene Kinder verlangt nach der unverfälschten geistigen Milch“ (1 Petr 2,2). Wirkung der Firmung ist die Gnade, die das Prägemal verleiht, das erforderlich ist, um einen kämpfenden Christen hervorzubringen, der imstande ist, gegen die unsichtbaren Feinde zu streiten, wie der heilige Paulus sagt: „Denn wir haben nicht gegen Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Mächte und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser Welt der Finsternis, gegen die bösen Geister in der Luft“ (Eph 6,12).

Schließlich gibt man bei der Taufe dem Kind etwas Salz; bei der Firmung gibt man einen Backenstreich, damit der Soldat Christi lerne, nicht dadurch zu kämpfen, dass er verletzt, sondern dadurch, dass er Wunden standhaft erträgt.

Um jedoch besser zu verstehen, welche Pflichten derjenige hat, der mit dem heiligen Chrisam gesalbt worden ist, das heißt ein Streiter Christi, muss man betrachten, was die Apostel bei ihrer eigenen Firmung empfangen haben, die ihnen am Pfingsttag zuteilwurde. Denn die Apostel wurden nicht im eigentlichen Sinn mit dem Sakrament der Firmung gefirmt, sondern sie empfingen von Christus, dem Hohenpriester, die Wirkungen des Sakraments, jedoch ohne das Sakrament selbst.

Sie empfingen nämlich drei Gaben: Weisheit, Beredsamkeit und Liebe in höchstem Maß, dazu noch die Gabe, Wunder zu wirken, die äußerst nützlich war, um die Ungläubigen zum Glauben zu bekehren. Diese Gaben werden durch die Feuerzungen versinnbildlicht, die am Pfingsttag erschienen, sowie durch das Brausen, das zugleich vernommen wurde. Denn der Glanz des Feuers bedeutet die Weisheit, die Wärme des Feuers die Liebe, die Gestalt der Zunge die Beredsamkeit, und das Brausen versinnbildlicht die Gabe der Wunder.

Das Sakrament der Firmung, das wir empfangen, bringt weder die Sprachengabe noch die Gabe mit sich, Wunder zu wirken, weil diese den Aposteln notwendig waren, nicht zu ihrem persönlichen Nutzen, sondern zur Bekehrung der Ungläubigen. Es verleiht uns jedoch die Gabe der Liebe, die „langmütig und gütig ist“ (1 Kor 13,4). Gerade um die Geduld zu bezeichnen, die eine sehr seltene und kostbare Tugend ist, gibt der Bischof dem Gefirmten öffentlich einen leichten Schlag auf die Wange, damit er verstehe, dass er Soldat Christi geworden ist, nicht um zu schlagen, sondern um zu leiden, nicht um Hiebe auszuteilen, sondern um sie zu ertragen.

Denn der christliche Soldat kämpft nicht gegen Wesen, die man sehen kann, sondern gegen Dämonen, die wir nicht sehen können. So hat Christus, unser siegreiches Haupt, gekämpft und gesiegt: ans Kreuz genagelt besiegte er die geistlichen Feinde. Und so kämpften auch die Apostel, die kurz zuvor die Wirkung der Firmung empfangen hatten: obwohl sie in der Versammlung der Juden schwer gegeißelt worden waren, gingen sie aus dem Hohen Rat hinweg, froh darüber, „würdig geachtet worden zu sein, für den Namen Jesu Schmach zu leiden“ (Apg 5,41).

Darin besteht die Gnade des Sakraments der Firmung: dass der Mensch, wenn er zu Unrecht geschlagen wird, keine Rache hegt, sondern sich freut, um der Gerechtigkeit willen ungerecht zu leiden.

Wer nun bereits die Firmung empfangen hat, ziehe sich in das Innerste seines Herzens zurück und prüfe aufmerksam, ob er in seinem Herzen die Gaben des Heiligen Geistes findet, besonders die Weisheit und die Stärke. Er möge überlegen, ob er die Weisheit der Heiligen empfangen hat, die die Güter des Himmels als wichtig erachtet und die Dinge der Erde geringschätzt, und ob er die Stärke besitzt, die den Soldaten Christi zukommt, die lieber bereitwillig Unrecht erleiden, als selbst Unrecht zu begehen.

Und damit er nicht Gefahr läuft, sich selbst zu täuschen, soll er im Innersten seines Gewissens sein eigenes Verhalten prüfen. Wenn er nämlich erkennt, dass er bereit ist, Almosen zu geben statt Reichtümer anzuhäufen; wenn er, beleidigt, nicht an Rache gedacht, sondern die Beleidigungen rasch und gern vergeben hat, dann hat er Grund zu geistlicher Freude, denn er trägt in seinem Herzen das geistliche Unterpfand dafür, ein Adoptivkind Gottes zu sein.

Wenn aber einer nach Empfang des Sakraments der Firmung sich nicht weniger von Begierde beherrscht findet, nicht weniger habgierig, nicht weniger zornig, nicht weniger ungeduldig; wenn er es kaum erträgt, dass eine Gold- oder Silbermünze aus seinem Beutel gleitet, um einem Armen zu helfen, während er im Gegenteil jede Gelegenheit zum Gewinn zu ergreifen sucht; wenn er ferner erkennt, dass er zum Zorn und zur Rachsucht neigt, und wenn er selbst auf Bitten von Freunden hin nicht bereit ist zu vergeben, sondern es nicht duldet, darum gebeten zu werden – was kann er dann anderes schließen, als dass er zwar das Sakrament empfangen hat, aber gewiss nicht die Gnade des Sakraments?

Ich sage dies im Hinblick auf jene, die dieses Sakrament bereits im Erwachsenenalter empfangen. Denn man muss annehmen, dass denen, die sich in früher Kindheit der Firmung nähern und kaum fähig sind, Böses zu tun, die Gaben und Tugenden eingegossen werden, da kein Hindernis besteht.

Man muss jedoch fürchten, dass sie durch schwere Sünden und durch lang hinausgeschobene Umkehr den Geist auslöschen, den sie im Sakrament der Firmung empfangen haben, das heißt, dass sie schließlich die vom Heiligen Geist kommende Gnade verlieren. So ist nämlich die Mahnung des Apostels zu verstehen: „Löscht den Geist nicht aus“ (1 Thess 5,19). Denn wer die Gnade Gottes in sich auslöscht, löscht – soweit es an ihm liegt – den Heiligen Geist in sich aus.

Wer also immer gut leben will, damit ihm am Ende auch ein gutes Sterben zuteilwerde, der soll der Gnade der Sakramente große Bedeutung beimessen, da sie Träger himmlischer Schätze sind. Vor allem aber soll er jene Sakramente hochachten, die, einmal verloren, auf keine Weise wiedererlangt werden können. So verhält es sich mit dem Sakrament der Firmung, durch das wir einen Schatz unvergleichlicher Güter empfangen. Denn obwohl das sakramentale Prägemal unauslöschlich ist, wird dieses Prägemal ohne die Gaben der Gnade keineswegs helfen, sondern vielmehr Leid und Schande vermehren.

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