Erstes Buch - Kapitel 1.: Die erste Regel der Kunst, gut zu sterben: Wer gut sterben möchte, muss gut leben
Nun gehe ich dazu über, von den Regeln der Kunst des guten Sterbens zu sprechen. Ich werde das Thema in zwei Teile gliedern: Im ersten Teil werde ich die Regeln darlegen, an die man sich halten soll, solange man bei guter Gesundheit ist; im zweiten Teil jene, die zu befolgen sind, wenn man an einer Krankheit leidet, die so schwer ist, dass der Tod als nahe bevorstehend angesehen werden muss.
Im ersten Teil werde ich zunächst die Regeln behandeln, die die Tugenden betreffen, und danach jene, die die Sakramente betreffen; denn die Ausübung der Tugenden und der Sakramente hilft uns sehr sowohl gut zu leben als auch gut zu sterben.
Mir scheint jedoch, dass vor allem anderen dieser Grundsatz von allgemeiner Gültigkeit vorausgeschickt werden muss: Wer gut sterben möchte, muss gut leben. Da nämlich der Tod das Ende des Lebens ist, so stirbt gewiss derjenige gut, der bis zum Ende gut lebt. Niemand kann schlecht sterben, der niemals schlecht gelebt hat; ebenso stirbt derjenige schlecht, der immer schlecht gelebt hat, und wer niemals gut gelebt hat, kann nicht anders als schlecht sterben.
Dies lässt sich auch aus allen ähnlichen Situationen erkennen: Wer auf dem rechten Weg bleibt, gelangt ohne Abweichung zum Ziel; wer aber vom rechten Weg abirrt, wird niemals das Ziel erreichen. Ebenso wird derjenige, der sich in einem Wissensgebiet mit Fleiß übt, in kurzer Zeit gelehrt und vielleicht sogar Lehrer; wer hingegen zwar den Unterricht besucht, sich aber nicht bemüht, die Lehrgegenstände wirklich zu erlernen, vergeudet Zeit und Kraft.
Jemand könnte jedoch vielleicht einwenden und als Beispiel den guten Schächer anführen, der sein ganzes Leben schlecht geführt habe und dennoch sein Leben gut und selig beendet habe. Doch so verhält es sich nicht: Vielmehr lebte der berühmte gute Schächer fromm und starb deshalb auch fromm und heilig.
Denn obwohl er den größten Teil seines Lebens als Verbrecher verbracht hatte, führte er den Rest seines Lebens so heilig, dass er leicht die früheren Schuldverfehlungen wiedergutmachen und außergewöhnliche Verdienste erwerben konnte. Von Liebe zu Gott erfüllt, verteidigte er Christus offen gegen die Schmähungen der Gottlosen; und ebenso von Liebe zum Nächsten bewegt, wies er den anderen Schächer, seinen Gefährten, der lästerte, entschieden zurecht und versuchte, ihn zu einem besseren Leben zurückzuführen, indem er zu ihm sagte:
„Fürchtest auch du Gott nicht, obwohl du derselben Strafe unterliegst? Wir empfangen mit Recht, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Böses getan“ (Lk 23,40–41).
Der gute Schächer war noch nicht gestorben, sondern lebte noch, als er jene berühmten Worte sprach, mit denen er Christus bezeugte und ihn anrief:
„Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst“ (Lk 23,42).
Mir scheint daher, dass der gute Schächer zu jenen gezählt werden kann, die „erst zuletzt in den Weinberg gekommen sind, um zu arbeiten“ (Mt 20,1–16), und dennoch denselben Lohn empfingen wie die Arbeiter der ersten Stunde.
Daraus ergibt sich also, dass folgende Aussage wahr und von allgemeiner Gültigkeit ist: Wer gut lebt, stirbt gut; und ebenso gilt das Gegenteil: Wer schlecht lebt, stirbt schlecht.
Man muss daher sagen, dass es äußerst gefährlich ist, die Bekehrung von der Sünde zum Leben der Gnade bis an das Ende des Lebens aufzuschieben. Viel glücklicher sind jene, „die schon von ihrer Jugend an das Joch des Gesetzes Gottes zu tragen beginnen“, und überaus glücklich in jeder Hinsicht sind jene, „die unter den Menschen als Erstlinge für Gott und das Lamm erlöst worden sind, die sich nicht mit Frauen befleckt haben; in deren Mund keine Lüge gefunden wurde und die ohne Makel sind“.
Zu diesen gehören der Prophet Jeremia, Johannes der Täufer – der „mehr als ein Prophet“ ist –, vor allem aber die Mutter des Herrn, und danach noch viele Männer und Frauen, die allein Gott kennt.
So bleibt also die erste Behauptung fest bestehen: Vom guten Leben hängt das gute Sterben ab.