Kapitel 5. Das fünfte Gebot der Kunst, gut zu sterben: worin sich die Irrtümer der Reichen dieser Welt offenbaren
Zu dem, was wir bereits gesagt haben, ist noch die Widerlegung eines Irrtums hinzuzufügen, der hier und da unter den Reichen dieser Welt verbreitet ist und das rechte Leben wie auch ein seliges Sterben in erheblichem Maße behindert.
Der Irrtum besteht darin, dass die Reichen glauben, ihr Reichtum, die Güter, die sie besitzen, seien in jedem Fall und schlechthin ihr volles Eigentum, sofern sie sie rechtmäßig innehaben; und daher meinen sie, sie dürften sie mit gutem Recht für beliebige Zwecke verwenden, sodass man ihnen nicht die Frage stellen könne: „Warum handelst du so? Warum kleidest du dich so prunkvoll? Warum schwelgst du in solchen Festgelagen? Warum vergeudest du Geld für die Zucht von Hunden oder Falken, für die Gefahren des Spiels oder für andere Vergnügungen?“
Die Reichen antworten darauf: „Was geht dich das an? Darf ich mit dem Meinigen nicht tun, was ich will?“ In Wahrheit aber ist dieser Irrtum ohne Zweifel der schwerwiegendste und höchst schädlich. Mögen die Reichen dieser Welt gegenüber anderen Menschen Herren über ihre Güter sein – im Verhältnis zu Gott jedoch sind sie nicht Herren, sondern Abhängige, Verwalter oder Haushalter. Was ich behaupte, lässt sich durch zahlreiche Beweise darlegen.
Hören wir den königlichen Propheten:
„Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und alle seine Bewohner“ (Ps 23,1).
Und an anderer Stelle im Psalter:
„Mein sind alle Tiere des Waldes, das Vieh auf den Bergen und die Rinder. Wenn mich hungerte, ich sagte es dir nicht; denn mein ist der Erdkreis und was ihn erfüllt“ (Ps 49,10–12).
Und im ersten Buch der Chronik lesen wir, dass David, obwohl er für den Bau des Tempels dreitausend Talente Gold, siebentausend Talente reinsten Silbers und eine große Menge Parischen Marmors gegeben hatte und die Stammesfürsten dem Beispiel des Königs folgend fünftausend Talente Gold, zehntausend Talente Silber und zudem hunderttausend Talente Eisen darbrachten, sich dennoch so an Gott wandte:
„Dein ist, o Herr, die Größe, die Macht, die Herrlichkeit und der Sieg; dein ist der Ruhm, denn alles im Himmel und auf Erden gehört dir. Dein ist das Reich, o Herr, und du bist erhaben über alle Fürsten; dein sind die Reichtümer und die Herrlichkeit; du herrschst über alles … Wer bin ich, und wer ist mein Volk, dass wir dir dies alles darbringen könnten? Denn alles kommt von dir, und aus deiner Hand haben wir dir gegeben“ (1 Chr 29,11–12.14).
Diesen Zeugnissen kann man noch das Wort Gottes selbst durch den Propheten Haggai hinzufügen: „Mein ist das Silber, und mein ist das Gold“ (Hag 2,9). So sprach der Herr, damit das Volk erkenne, dass es beim Wiederaufbau des Tempels an nichts fehlen werde, da er selbst ihn befohlen hatte. Ihm gehört das Gold und das Silber, das sich auf der ganzen Erde findet.
Ferner füge ich zwei Beweise aus dem Neuen Testament hinzu, mit den eigenen Worten Jesu. Im Evangelium nach Lukas lesen wir das Gleichnis vom untreuen Verwalter: „Es war ein reicher Mann“, sagt der Herr, „der hatte einen Verwalter; dieser wurde bei ihm angeklagt, er habe sein Vermögen verschleudert. Da rief er ihn zu sich und sprach: Was ist das, was ich von dir höre? Lege Rechenschaft ab über deine Verwaltung, denn du kannst sie nicht länger führen“ (vgl. Lk 16,1–2). Es besteht kein Zweifel, dass unter dem Reichen hier Gott selbst zu verstehen ist, der – wie wir soeben durch den Propheten Haggai gehört haben – spricht: „Mein ist das Silber und mein ist das Gold“ (Hag 2,9). Unter dem Verwalter oder Haushalter aber ist nach dem Verständnis der griechischen Texte ein wohlhabender Mensch zu verstehen, wie die heiligen Väter – Johannes Chrysostomus, Augustinus, Ambrosius, Beda, Theophylakt, Euthymius und andere – in ihrer Auslegung dieser Stelle des Evangelisten Lukas darlegen.
Jeder Reiche dieser Welt muss daher, wenn er dem Evangelium glaubt, einsehen, dass die Reichtümer, die er besitzt – ob rechtmäßig oder unrechtmäßig erworben –, nicht ihm gehören: Denn wer sie rechtmäßig besitzt, ist ein Verwalter oder Haushalter Gottes; wer sie aber auf unrechtmäßige Weise innehat, ist ein Dieb und Räuber. Dass die Reichen dieser Welt keine absoluten Herren ihrer Güter sind, lässt sich auch daraus erkennen, dass Gott ihnen die Verwaltung entzieht, sei es durch den Tod des Leibes, sei es dadurch, dass er den vor ihm Schuldigen in Armut stürzt. Dies ist der Sinn der Worte: „Lege Rechenschaft ab über deine Verwaltung, denn du kannst sie nicht länger führen“ (Lk 16,2).
Es fehlt Gott nicht an Mitteln, die Reichen in Elend zu stürzen und sie so ihrer Verwaltung zu entheben: Schiffbrüche, Diebstähle, Hagelschläge, Schädlinge, übermäßige Regenfälle, häufige Dürreperioden, heftige Stürme und ähnliche Schadensursachen sind gleichsam Mahnrufe Gottes, der den Reichen immer wieder zuruft: „Du kannst die Verwaltung nicht länger führen.“
Die Worte Jesu am Ende des Gleichnisses: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit sie euch, wenn ihr dahinscheidet, in die ewigen Wohnungen aufnehmen“ (Lk 16,9), bedeuten nicht, dass man Almosen aus unrechtmäßig erworbenem Reichtum geben solle, sondern dass Almosen aus Reichtümern zu geben sind, die in Wahrheit keine echten Reichtümer sind, sondern nur der Schatten der wahren Güter. Dies ergibt sich klar aus derselben Stelle im Lukasevangelium, wo der Herr sagt: „Wenn ihr also im ungerechten Mammon nicht treu gewesen seid, wer wird euch das Wahre anvertrauen?“ (Lk 16,11).
Der Sinn dieser Worte ist folgender: Wenn ihr in den ungerechten Reichtümern, das heißt in den unechten Gütern, nicht treu gewesen seid, indem ihr sie großzügig den Armen gegeben habt – wer wird euch dann die wahren Reichtümer anvertrauen, nämlich jene, die in den Tugenden bestehen und den Menschen wahrhaft reich machen? So hat der heilige Cyprian diese Stelle in seiner Schrift Über Werke und Almosen verstanden und ausgelegt; und nicht wesentlich anders erklärt sie der heilige Augustinus im Buch der Fragen zu den Evangelien, in der Frage XXXIV, wo er feststellt, dass nur die Ungerechten und die Toren die Reichtümer dieser Welt für wahr halten, während die Gerechten und Weisen sie für nichts erachten, da sie lehren, dass allein die geistlichen Güter wahrer Reichtum sind.
Ein weiterer Abschnitt des Evangeliums, der gleichsam als Kommentar zum Gleichnis vom untreuen Verwalter gelten kann, findet sich im selben 16. Kapitel des heiligen Lukas: „Es war ein reicher Mann“, sagt der Herr, „der kleidete sich in Purpur und Byssus und lebte Tag für Tag in Prunk und Üppigkeit. Es war aber auch ein armer Mann namens Lazarus, der, von Geschwüren bedeckt, vor dessen Tor lag und sich danach sehnte, von den Brosamen gesättigt zu werden, die vom Tisch des Reichen fielen; doch niemand gab sie ihm, vielmehr kamen die Hunde und leckten seine Geschwüre. Es geschah aber, dass der Arme starb und von den Engeln in den Schoß Abrahams getragen wurde. Auch der Reiche starb und wurde in der Hölle begraben.“
Gewiss gehörte der reiche Prasser zu jenen, die meinen, absolute Herren ihrer Reichtümer zu sein und nicht vielmehr Verwalter oder Haushalter im Auftrag Gottes; daher glaubte er nicht, gegen Gott zu sündigen, wenn er sich in Purpur und Byssus kleidete, prächtig tafelte und vielleicht sogar zahlreiche Hunde hielt und sich Mimen und Schauspieler hielt. Denn er sagte bei sich selbst: „Ich gebe von dem Meinigen aus, ich tue niemandem Unrecht, ich übertrete die Gebote Gottes nicht, ich lästere nicht, ich schwöre nicht falsch, ich halte den Sabbat, ich ehre Vater und Mutter, ich töte nicht, ich begehe keinen Ehebruch, ich stehle nicht, ich lege kein falsches Zeugnis ab, ich begehre weder die Frau noch das Gut eines anderen.“
Wenn es sich aber so verhält, warum wurde er in der Hölle begraben? Warum wird er von den Flammen der Gehenna gequält? Man muss daher zugeben, dass hier auf alle jene angespielt wird, die sich für absolute Herren ihres Reichtums halten: Denn hätte der reiche Prasser noch andere, schwerere Sünden begangen, so hätte die Heilige Schrift davon in irgendeiner Weise berichtet. Da aber nichts Weiteres zu lesen ist, scheint es gewiss, dass jene bereits erwähnte übermäßige Sorge für den Leib – durch den Gebrauch allzu kostbarer Gewänder und durch beträchtliche, tägliche Ausgaben für Gastmähler, ebenso wie die Aufwendungen für eine Vielzahl von Dienern und Hunden – verbunden mit einem völligen Mangel an Mitleid gegenüber einem armen, von Geschwüren bedeckten Menschen, schon hinreichender Grund gewesen sind, dass jener wohlbekannte Reiche in der Hölle begraben wurde, um vom ewigen Feuer gequält zu werden.
Damit ist also die Regel für ein gutes Leben wie auch für ein gutes Sterben klar erwiesen: Sie besteht darin, ernstlich darüber nachzudenken und immer wieder zu erwägen, dass wir Gott Rechenschaft ablegen müssen über den überflüssigen Gebrauch von Palästen, Gärten, Kutschen, zahlreicher Dienerschaft, über die Ausgaben für Kleidung, für Gastmähler und für alle anderen unnötigen Aufwendungen. Denn durch diese wird unzähligen Armen und vielen Kranken schweres Unrecht zugefügt, denen das Notwendige fehlt, das für andere zum Überfluss geworden ist. Gerade sie, die Armen und die Kranken, erheben schon jetzt ihren Ruf zum Herrn und werden nicht aufhören, ihn auch am Tage des Gerichts zu erheben, bis die Schuldigen verurteilt werden, gemeinsam mit dem reichen Prasser im Feuer zu brennen, das niemals erlischt.