Kapitel 6. Die sechste Regel der Kunst, gut zu sterben: Erklärung dreier sittlicher Tugenden
Obwohl die drei theologischen Tugenden – Glaube, Hoffnung und Liebe – gleichsam in sich alle Regeln für ein gutes Leben und damit auch für ein gutes Sterben enthalten, hat doch der Heilige Geist, der der eigentliche Urheber aller Heiligen Schriften ist, damit wir besser verstehen, worin diese für das Heil so überaus nützliche Kunst besteht, noch drei weitere Tugenden hinzugefügt, die den Menschen in wunderbarer Weise helfen, gut zu leben und gut zu sterben. Es sind dies die Nüchternheit, die Gerechtigkeit und die Frömmigkeit.
Über sie spricht der Apostel Paulus im Brief an Titus so:
„Die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen, und erzieht uns dazu, dass wir, indem wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen, besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben, indem wir die selige Hoffnung erwarten, die Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Herrn Jesus Christus“ (Tit 2,11–13).
Die sechste Regel also, um gut zu leben und gut zu sterben, besteht darin, „die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden zu verleugnen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben“. Hier finden wir eine Zusammenfassung des ganzen göttlichen Gesetzes, in einem einzigen Satz von bewundernswerter Kürze enthalten: „Meide das Böse und tue das Gute“ (Ps 36,27), sagt der heilige Prophet David.
Zweifach ist die Gestalt des Bösen: sich von Gott abwenden und sich den Geschöpfen zuwenden, wie Jeremias sagt: „Zweifaches Unheil hat mein Volk begangen: Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, und sich Zisternen gegraben, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten“ (Jer 2,13). Was also soll der tun, der beide Übel vermeiden will? Er muss „die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen“. Denn die Gottlosigkeit entfernt uns von Gott, und die weltlichen Begierden wenden uns den Geschöpfen zu.
Was aber die Übung des Guten betrifft, so werden wir das Gesetz nur dann erfüllen, wenn wir „besonnen, gerecht und fromm“ leben; das heißt, wenn wir maßvoll und beherrscht gegen uns selbst, gerecht gegenüber dem Nächsten und fromm gegenüber Gott sind.
Es scheint mir jedoch angebracht, ausführlicher darzulegen, wie man ein so wesentliches und so heilsames Gebot leichter in die Tat umsetzen kann. Was ist denn die Gottlosigkeit? Das Laster, das der Frömmigkeit entgegengesetzt ist. Und was ist die Frömmigkeit? Jene Tugend, die eine Gabe des Heiligen Geistes ist, kraft deren wir Gott als unseren Vater betrachten, ehren und verehren.
Uns wird also geboten, die Gottlosigkeit zu verleugnen, „um in dieser Welt fromm zu leben“, das heißt so fromm zu leben, dass jede Form der Gottlosigkeit verleugnet wird. Warum aber werden uns zwei Anweisungen gegeben, wo doch die zweite allein genügt hätte? Gewiss wollte der Heilige Geist sich so ausdrücken, um uns erkennen zu lassen, dass wir, wenn wir Gott gefallen wollen, die Frömmigkeit so pflegen müssen, dass keinerlei Spur von Gottlosigkeit zurückbleibt.
Denn es fehlen unter den Christen nicht solche, die zwar die Frömmigkeit üben, zu Gott beten und die Predigten der Priester hören, zugleich aber beim Spiel Gott lästern oder ohne triftigen Grund schwören oder die Gelübde nicht erfüllen, durch die sie sich gebunden haben. Was ist dies anderes, als Gott zugleich zu verehren und doch gegen ihn gottlos zu handeln? Daher ist es notwendig, dass jene, die gut leben wollen, um auch gut zu sterben, Gott so fromm ehren, dass sie jede Form der Gottlosigkeit verleugnen, ja selbst die geringste Spur davon meiden.
Denn es nützt dir wenig, täglich die Messe zu hören und Christus in der Eucharistie zu verehren, wenn du zugleich ein Lästerer Gottes bist oder den Namen Gottes leichtfertig missbrauchst. Ferner ist sorgfältig zu beachten, dass der Apostel nicht geboten hat, „die Gottlosigkeit“ zu verleugnen, sondern „jede Gottlosigkeit“, das heißt jede Art von Gottlosigkeit, nicht nur die grobe, sondern auch die leichte.
Dies richtet sich gegen jene, die unnötigen Schwüren keine Bedeutung beimessen, sich nicht daran stoßen, Frauen mit anhaltendem Blick – wenn auch ohne böse Absicht – zu betrachten, während heiliger Handlungen zu schwatzen oder andere ähnliche Vergehen zu begehen, als ob sie nicht an jenen Gott glaubten, der stets gegenwärtig ist und alle Sünden vor Augen hat, auch die geringfügigen.
Unser Gott ist „ein eifersüchtiger Gott“, der „die Schuld der Väter an den Kindern heimsucht bis in die dritte Generation derer, die ihn hassen, und Barmherzigkeit erweist an Tausenden von Generationen denen, die ihn lieben und seine Gebote halten“ (Ex 20,5–6). Gerade dies wollte der Sohn Gottes lehren, der, „als er geschmäht wurde, nicht wiederschmähte, als er litt, nicht drohte“ (1 Petr 2,23), und doch, als er im Tempel „die Verkäufer von Tauben und die Geldwechsler sitzen sah“ (Joh 2,14), von großem Eifer entflammt, mit einer Geißel aus Stricken die Verkäufer und Käufer hinaustrieb und die Tische der Wechsler umstieß (Joh 2,15), indem er sprach: „Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein; ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht“ (Mt 21,12–13). Und er tat dies zweimal: einmal im ersten Jahr seines öffentlichen Wirkens, wie der heilige Johannes berichtet, und ein weiteres Mal im letzten Jahr, wie die anderen drei Evangelisten bezeugen.
22 - "Ab Passiamo ora alla seconda virtù"