Über die Kunst des guten Sterbens
Kapitel 9. Die neunte Regel der Kunst, gut zu sterben: die Almosen
Bezüglich des Almosens müssen drei Dinge erklärt werden: seine Notwendigkeit, seine Früchte und die rechte Weise, es zu geben. Und gewiss kann nicht bezweifelt werden, dass die Pflicht besteht, Almosen zu geben. Denn selbst wenn es an anderen Hinweisen fehlte, müsste schon das Urteil genügen, das der höchste und gerechteste Richter über die Verworfenen sprechen wird:
„Weichet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mich nicht bekleidet; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht.“
Und wenig später fügt er hinzu:
„Was immer ihr einem dieser Geringsten unter meinen Brüdern nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan“ (Mt 25,34–43).
Aus dieser Stelle kann man schließen, dass nur jene zum Almosengeben verpflichtet sind, die dazu imstande sind. Denn wir lesen nicht, dass auch der Herr selbst solche Werke verrichtet habe, sondern nur, dass er befahl, den Armen einen Teil des ihm dargebrachten Geldes zu geben, wie man aus jener Stelle erkennen kann, wo zu lesen ist, dass die Jünger, als Jesus Christus zu Judas Iskariot sagte: „Was du tun willst, das tue bald“ (Joh 13,27), meinten, der Herr habe Judas befohlen, aus dem Beutel, den er verwahrte, den Armen etwas zu geben.
Einige Theologen vertreten jedoch die Auffassung, diese Pflicht sei im Gebot enthalten: „Ehre Vater und Mutter“; andere sehen sie im Gebot „Du sollst nicht töten“. Es ist jedoch nicht notwendig anzunehmen, dass die Pflicht zum Almosen zu den Geboten des Dekalogs gehöre, denn das Almosen ist eine Pflicht der Liebe, während die Gebote Verpflichtungen kraft der Tugend der Gerechtigkeit sind.
Wenn man unbedingt alle sittlichen Pflichten auf die zehn Gebote zurückführen will, so ist wahrscheinlich die Meinung des Albertus Magnus zutreffend, der die Pflicht zum Almosen auf das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ zurückführt, denn es scheint mir tatsächlich eine Art Diebstahl zu sein, den Armen nicht zu geben, was wir ihnen geben müssten.
Noch begründeter erscheint mir jedoch die Auffassung des heiligen Thomas von Aquin, der die Pflicht zum Almosen auf das vierte Gebot zurückführt: „Ehre Vater und Mutter“. Denn die Eltern zu ehren besteht nicht nur in Achtung, sondern vor allem darin, ihnen das zum Leben Notwendige zu verschaffen. Dies ist eine Form des Almosens, die wir jenen schulden, die uns in besonderer Weise nahestehen, wie Hieronymus im Kommentar zum fünfzehnten Kapitel des Evangeliums nach Matthäus erläutert.
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass wir auch anderen, die uns nahe sind, Almosen schulden, wenn sie sich in Not befinden.
Ferner ist festzuhalten, dass die Pflicht zum Almosen kein negatives, sondern ein positives Gebot ist. Unter den Geboten der zweiten Tafel des Gesetzes ist nur das erste bejahend formuliert, nämlich: „Ehre Vater und Mutter“. Doch ist es hier nicht der Ort, diese Dinge weiter zu erörtern.
Es möge genügen, was über die Notwendigkeit des Almosengebens dargelegt wurde.
Tatsächlich ist die Frucht des Almosens überaus reichlich. Vor allem befreit das Almosen vom ewigen Tod, und dies kann entweder insofern geschehen, als das Almosen Genugtuung leisten kann, oder insofern, als es den Menschen für das Wirken der Gnade empfänglich macht, oder auch auf andere Weise. Die Heilige Schrift lehrt dies klar.
Denn wir lesen im Buch Tobit: „Das Almosen befreit von allen Sünden und vom Tod und lässt die Seele nicht an den Ort der Finsternis gelangen“ (Tob 4,11); und im selben Buch lesen wir, dass der Engel Raffael ausdrücklich sagt: „Das Almosen rettet die Seele vom Tod; es reinigt von den Sünden und lässt Barmherzigkeit und ewiges Leben finden“ (Tob 12,9).
Denn wir lesen im Buch Tobit: „Das Almosen befreit von allen Sünden und vom Tod und lässt die Seele nicht an den Ort der Finsternis gelangen“ (Tob 4,11); und im selben Buch lesen wir, dass der Engel Raffael ausdrücklich sagt: „Das Almosen rettet die Seele vom Tod; es reinigt von den Sünden und lässt Barmherzigkeit und ewiges Leben finden“ (Tob 12,9).
Daniel sagt zum König Nebukadnezar II.: „Darum, o König, lass dir meinen Rat gefallen: Löse deine Sünden durch Almosen ab und deine Ungerechtigkeiten durch Wohltaten an den Armen“ (Dan 4,24).
Ferner verdient das Almosen, wenn es von jemandem gegeben wird, der sich in der Gnade Gottes befindet und von wahrer Liebe beseelt ist, das ewige Leben. Jesus Christus selbst, der Richter der Lebenden und der Toten, wird dies im Endgericht bestätigen, wenn er sagen wird: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das euch seit Grundlegung der Welt bereitet ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben ...“ Und weiter: „Was immer ihr einem dieser Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,34ff.).
Drittens besitzt das Almosen gewissermaßen die Kraft der Taufe, das heißt, es kann Sünden tilgen sowohl hinsichtlich der Schuld als auch zugleich hinsichtlich der Strafe, gemäß dem Wort des Buch Jesus Sirach: „Loderndes Feuer löscht das Wasser, und das Almosen sühnt die Sünden“ (Sir 3,23). Nun löscht das Wasser das Feuer vollständig und lässt nicht einmal Rauch zurück.
Dasselbe lehren die heiligen Väter Cyprian von Karthago, Ambrosius von Mailand, Johannes Chrysostomos und Leo der Große. Cyprian sagt in der Predigt über das Almosen: „Wie durch das heilbringende Wasserbad das Feuer der Hölle ausgelöscht wird, so durch Almosen und andere gute Werke die Flamme der Schuld.“ Ambrosius erklärt in der einunddreißigsten Predigt: „Das Almosen ist gewissermaßen eine andere Art Waschung für die Seelen, wie der Herr sagt: ,Gebt Almosen, und alles wird rein sein in euch.‘“ Johannes Chrysostomos lehrt in der fünfundzwanzigsten Homilie über die Apostelgeschichte: „Es gibt keine Sünde, von der das Almosen nicht reinigen und deren Schuld es nicht tilgen könnte.“ Leo sagt in der fünften Predigt über die Sammlungen: „Die Almosen vernichten die Sünde, töten den Tod und löschen die Strafe des ewigen Feuers aus.“
Gewiss ist dies eine große Eigenschaft des Almosens und müsste alle dazu bewegen, es zu lieben. Doch gilt dies nicht von irgendeinem beliebigen Almosen, sondern nur von jenem, das aus großer Reue und großer Glut der Liebe hervorgeht. So war es bei der heiligen Maria Magdalena, die die Füße des Herrn mit Tränen wahrer Zerknirschung benetzte und sie mit dem Almosen eines kostbaren Salböls salbte.
Viertens vermehrt das Almosen das Vertrauen auf Gott und schenkt Freude des Geistes. Zwar kann man dies vom Almosen wie von jedem guten Werk sagen, doch gilt es in besonderer Weise vom Almosen, weil wir dadurch zugleich Gott und dem Nächsten wohlgefällig handeln und weil es von allen ganz offensichtlich als gut anerkannt wird. Daher lesen wir im Buch Tobit (4,12): „Das Almosen wird vor dem höchsten Gott ein großes Fundament des Vertrauens sein für alle, die es getan haben.“ So verstehen wir auch die Worte des Apostels: „Ihr habt mit den Gefangenen gelitten; werft also euer festes Vertrauen nicht weg“ (Hebr 10,34–35). Schließlich nennt Cyprian in der Predigt über das Almosen das Almosen einen „großen Trost der Gläubigen“.
Fünftens verschafft uns das Almosen das Wohlwollen vieler, die für ihre Wohltäter beten und für sie von Gott je nach Fall die Gnade der Bekehrung, die Gabe der Beharrlichkeit oder die Mehrung der Gnade und damit der Herrlichkeit erlangen. Denn darauf kann man jenes Wort des Herrn beziehen: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit sie euch, wenn ihr dahinfallt, in die ewigen Wohnungen aufnehmen“ (Lk 16,9).
Sechstens macht das Almosen empfänglich für die rettende Gnade. Von dieser Wirkung spricht Salomo in den Buch der Sprichwörter (Spr 15,27) mit den Worten: „Durch Barmherzigkeit und Treue werden die Sünden getilgt.“
Auch der Herr selbst bezeugte dies bei der Ankündigung der Großherzigkeit des Zachäus, der sprach: „Siehe, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen; und wenn ich jemanden betrogen habe, so erstatte ich es vierfach.“ Darauf antwortete Jesus Christus: „Heute ist diesem Hause das Heil widerfahren“ (Lk 19,8).
Schließlich lesen wir in der Apostelgeschichte, dass zu Kornelius, der noch nicht Christ geworden war, aber sehr freigebig Almosen gab, gesagt wurde: „Deine Almosen sind vor Gott emporgestiegen, und er hat ihrer gedacht“ (Apg 10,4). Aus dieser Stelle zeigt Augustinus von Hippo, dass Kornelius durch seine Almosen von Gott die Gnade des christlichen Glaubens und der vollkommenen Rechtfertigung erlangt hatte.
Siebtens ist das Almosen oft auch Ursache dafür, dass die Güter dieser Welt zunehmen. Das bezeugt der alte Weise, wenn er sagt: „Wer sich des Armen erbarmt, leiht dem Herrn“ (Spr 19,17), und weiter: „Wer dem Armen gibt, wird nicht verarmen“ (Spr 28,27).
Der Herr lehrte dasselbe durch sein Beispiel, als er den Jüngern befahl, der Menge die fünf Brote und zwei Fische auszuteilen, das Einzige, was sie besaßen, und dann bewirkte, dass sie zwölf Körbe voller Brotstücke und auch Fische einsammeln konnten, die ihnen noch viele Tage reichen mochten (Joh 6,1–15).
Auch Tobit, der seine Güter großzügig mit den Armen teilte, gelangte in kurzer Zeit zu großem Reichtum. Ebenso erhielt die Witwe von Sarepta, die dem Propheten Elija etwas Mehl und Öl als Almosen gegeben hatte, von Gott die Gabe, dass ihr weder das Mehl noch das Öl lange Zeit ausgingen (1 Kön 17,10–16).
Viele weitere Beispiele, die wahrhaft lesenswert sind, finden sich im fünften Buch der Geschichte der Franken von Gregor von Tours, sodann im Leben des heiligen Johannes des Almosengebers von Leontios von Neapolis sowie in den Kapiteln 185 und 201 der Geistlichen Wiese von Sophronius von Jerusalem.
Dasselbe lehrt auch Cyprian von Karthago in der Predigt über das Almosen und Basilius der Große in der Rede an die Reichen. Dort vergleicht er auf sehr schöne Weise den Reichtum mit dem Wasser eines Brunnens: Wird es häufig geschöpft, so fließt es immer reiner und reichlicher nach; bleibt es aber unbewegt stehen, so nimmt es ab und wird faulig.
Die habgierigen Reichen wollen solche Dinge nicht hören und glauben kaum, dass sie wahr seien. Nach diesem Leben aber werden sie erkennen und überzeugt werden, dass sie wahr sind — wenn jedoch Erkenntnis und Überzeugung nichts mehr nützen.
Es bleibt uns nur noch, etwas über die rechte Weise des Almosengebens zu sagen; denn dies ist mehr als alles andere notwendig, um heilig zu leben und glücklich zu sterben.
Vor allem ist es notwendig, Almosen mit vollkommen rechter Absicht zu geben: um Gott zu gefallen, nicht um die Gunst der Menschen zu gewinnen. Das lehrt unser Herr ausdrücklich, wenn er sagt: „Wenn du also Almosen gibst, so posaune es nicht aus … und deine linke Hand soll nicht wissen, was deine rechte tut“ (Mt 6,2–3).
Augustinus von Hippo erklärt diese Stelle im Kommentar zum ersten Johannesbrief. Unter der „linken Hand“ versteht er die Absicht, Almosen zu geben, um Ehre in dieser Welt oder irgendeinen zeitlichen Vorteil zu erlangen. Unter der „rechten Hand“ versteht er die Absicht, Almosen zu geben, um das ewige Leben zu erlangen, zur Ehre Gottes und aus Liebe zum Nächsten.
Zweitens muss man Almosen bereitwillig und schlicht geben, damit es nicht so erscheine, als werde es erst durch viele Bitten abgerungen; es darf nicht von Tag zu Tag aufgeschoben werden, wenn man es sofort tun kann. „Sag nicht zu deinem Freund“, lehrt der alte Weise, „geh und komm wieder, morgen werde ich es dir geben“, wenn du es sogleich geben kannst (Spr 3,28). Abraham, der Freund Gottes, bittet die Gäste, sich niederzulassen, und wartet nicht darauf, selbst gebeten zu werden (Gen 18,3 ff.). Ebenso handelt sein Neffe, Lot, der Gerechte (Gen 19,2–3). Auch Tobit wartete nicht, bis die Armen zu ihm kamen, sondern suchte sie selbst auf (Tob 1,6.15.19).
Drittens wird verlangt, dass das Almosen mit Freude gegeben werde und nicht widerwillig. Der Buch Jesus Sirach sagt: „Bei jeder Gabe zeige ein frohes Gesicht“ (Sir 35,11). Und der Apostel: „Nicht mit Verdruss und nicht unter Zwang; denn einen fröhlichen Geber liebt der Herr“ (2 Kor 9,7).
Viertens ist es notwendig, dass das Almosen in Demut gegeben werde, sodass der Reiche begreife, dass er eher empfängt als gibt. Dazu sagt Gregor der Große: „Es dient sehr zur Demütigung des Hochmuts dessen, der gibt, wenn er gerade beim Geben einer irdischen Gabe aufmerksam die Worte des himmlischen Meisters bedenkt, der gebietet (Lk 16,9): ‚Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit sie euch, wenn ihr dahinscheidet, in die ewigen Wohnungen aufnehmen.‘ Wenn wir also durch ihre Freundschaft ewige Wohnungen erlangen, muss man gewiss erkennen, dass wir sie gerade dadurch erlangen, dass wir eher Verpflichtungen gegenüber den Eigentümern erfüllen, als einem Bedürftigen etwas schenken.“
Fünftens ist es notwendig, dass das Almosen großzügig gegeben werde, entsprechend den Möglichkeiten. Genau dies lehrt Tobit, der vorbildliche Almosengeber (Tob 4,8): „Nach deinem Vermögen sollst du Almosen geben: hast du viel, so gib reichlich; hast du wenig, so bemühe dich, auch das Wenige gern zu geben.“ Und der Apostel (2 Kor 8,2–14) lehrt, dass man Almosen als Tat der Freigebigkeit geben müsse, nicht des Geizes. Johannes Chrysostomos fügt hinzu: „Nicht irgendein Geben, sondern reichliches Geben ist Almosen.“ Und in derselben Predigt ergänzt er, dass jene, die erhört werden wollen, wenn sie zu Gott sprechen: „Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner großen Güte“ (Ps 51,1), auch selbst nach großem Maß Erbarmen mit den Armen haben müssen.
Schließlich ist es vor allem notwendig, dass derjenige, der gerettet werden will und daher gut sterben möchte, sorgfältig prüfe – entweder selbst durch Lesen und Nachdenken oder durch den Rat wirklich gelehrter und frommer Männer –, ob er überflüssige Reichtümer ohne Sünde behalten könne oder ob er verpflichtet sei, sie den Armen zu geben. Ebenso muss er erwägen, was konkret als überflüssiger Reichtum und was als notwendig anzusehen ist. Denn es kann geschehen, dass für den einen schon geringe Mittel überflüssig sind, während für einen anderen selbst großer Reichtum durchaus notwendig erscheint.
Da dieses kleine Werk weder die Weitschweifigkeit akademischer Streitfragen verlangt noch ertragen würde, will ich hier kurz einige Stellen aus der Heiligen Schrift sowie aus den Lehren alter und neuer Lehrer anführen und damit die Erörterung schließen.
Die Stellen der Heiligen Schrift sind folgende: im 6. Kapitel des Evangelium nach Matthäus (Mt 6,24): „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“; im 3. Kapitel des Evangelium nach Lukas (Lk 3,11): „Wer zwei Gewänder hat, gebe eines dem, der keines hat; und wer Nahrung hat, tue ebenso“; im 12. Kapitel desselben Evangeliums (Lk 12,20): Der Reiche, der so viele Güter hatte, dass er kaum wusste, wo er sie aufbewahren sollte, hört die Worte: „Du Narr, noch in dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern.“ Augustinus von Hippo erklärt diese Worte in dem Sinn, dass jener Reiche auf ewig verurteilt wurde, weil er überflüssige Reichtümer besaß.
Die wichtigsten Stellen der heiligen Väter sind folgende. Basilius der Große sagt in der Rede an die Reichen: „Bist du nicht ein Räuber, wenn du gerade jene Reichtümer als dein Eigentum zurückhältst, die du empfangen hast, um sie zu verteilen?“ Und wenig später fügt er hinzu: „So oft du die Möglichkeit gehabt hättest zu geben, so oft tust du den Armen Unrecht.“
Ambrosius von Mailand erklärt in Predigt 81: „Was ist ungerechter, als wenn ich mir zwar nicht fremde Güter aneigne, aber meine eigenen mit Sorgfalt festhalte? Schamlose Behauptung! Du sprichst von eigenen Gütern? Welche sind das?“ Und weiter: „Es ist kein geringeres Verbrechen, anderen zu rauben, als einem Bedürftigen zu verweigern, obwohl man reichlich geben könnte.“
Hieronymus sagt im Brief an Hedibia: „Wenn du mehr besitzt, als du zum Essen und Kleiden brauchst, gib es weg und halte dich darum für einen Schuldner.“
Johannes Chrysostomos lehrt in der 34. Homilie an das Volk von Antiochia: „Hast du überhaupt etwas Eigenes? Die Güter der Armen sind dir anvertraut, sei es, dass du sie ehrlich durch Arbeit erworben hast, sei es, dass du sie geerbt hast.“
Augustinus von Hippo sagt im Kommentar zu Psalm 147 kurz und treffend: „Was für einen Reichen überflüssig ist, ist für einen Armen notwendig; wir besitzen fremdes Gut, wenn wir Überflüssiges besitzen.“
Leo der Große sagt in Predigt V über die Sammlungen: „Die materiellen Güter dieser Welt stammen aus Gottes Güte, und mit Recht wird er Rechenschaft darüber verlangen; denn er hat sie uns nicht anvertraut, damit wir sie besitzen, sondern vielmehr, damit wir sie austeilen.“
Gregor der Große schreibt im dritten Teil der Hirtenregel: Man müsse jene, die weder fremdes Gut begehren noch vom eigenen geben, daran erinnern, dass die Erde, aus der wir alle stammen, allen gemeinsam sei und daher auch allen gemeinsam Nahrung hervorbringe; vergeblich hielten sich jene für unschuldig, die als Privateigentum beanspruchen, was Gottes Gabe für alle sei.
Bernhard von Clairvaux schreibt an Heinrich, Erzbischof von Sens: „Uns gehört, rufen die Armen, was ihr verschwendet; uns wird grausam genommen, was ihr unnütz vergeudet.“
Thomas von Aquin schreibt in der Summa Theologiae: „Die Güter, die manche im Überfluss besitzen, sind nach natürlichem Recht zum Unterhalt der Armen bestimmt.“ Und an anderer Stelle fügt er hinzu: „Der Herr gebietet uns, den Armen nicht nur den Zehnten zu geben, sondern alles Überflüssige.“
Schließlich erklärt derselbe Lehrer im Kommentar zum vierten Buch der Sentenzen, dies sei die gemeinsame Lehre aller Theologen. Ich füge hinzu: Selbst wenn man darüber streiten wollte, ob man aus strenger Gerechtigkeit verpflichtet sei, das Überflüssige den Armen zu geben, wird doch niemand leugnen können, dass es wenigstens aus Liebe geschehen muss. Im Übrigen macht es wenig Unterschied, ob einer wegen Mangels an Gerechtigkeit oder wegen Mangels an Liebe in die Hölle kommt.