Über die Kunst des guten Sterbens



Kapitel 10. Die zehnte Regel der Kunst des guten Sterbens: Hinweise aus dem Sakrament der Taufe



Nachdem wir die wichtigsten Tugenden erklärt haben, die uns die Kunst des guten Lebens lehren, wollen wir nun aus der Lehre über die Sakramente noch einige wenige Dinge hinzufügen, die ebenso dazu beitragen, die Kunst des guten Lebens glücklich zu erlernen. Die von Jesus Christus eingesetzten Sakramente sind sieben: Taufe, Firmung, Eucharistie, Buße, Weihe, Ehe und letzte Ölung (Krankensalbung). Sie sind gleichsam Mittel, deren sich Gott durch den Dienst seiner Diener bedient, um die göttliche Gnade zu schenken, zu vermehren oder wiederzugeben, damit die Menschen, von der Knechtschaft des Teufels befreit und zur Würde der Kinder Gottes erhoben, schließlich zusammen mit den heiligen Engeln zur ewigen Seligkeit gelangen können.

Wir beabsichtigen, von diesen heiligsten Sakramenten ausgehend kurz zu erklären, wer in der Kunst des guten Lebens Fortschritte macht und wer Rückschritte erleidet. Daraus wird man erkennen können, wer auf einen glücklichen Tod hoffen darf und wer im Gegenteil, wenn er seine Lebensweise nicht ändert, einen unglücklichen Tod zu erwarten hat.

Beginnen wir mit dem ersten Sakrament. Die Taufe ist das erste der Sakramente; mit Recht nennt man sie die Pforte der Sakramente, weil ohne die Taufe niemand geeignet ist, die übrigen Sakramente zu empfangen. Bei der Spendung des Taufsakramentes werden folgende Riten beachtet.

Vor allem muss der Täufling persönlich oder durch einen anderen das katholische Glaubensbekenntnis ablegen. Sodann muss er dem Teufel, seinen Eitelkeiten und seinen Werken widersagen. Drittens muss der Taufbewerber in Jesus Christus getauft werden; in dieser Taufe geht er aus der Knechtschaft des Teufels in die Gnade der Kinder Gottes über, alle Sünden werden getilgt, und er empfängt die Gaben der himmlischen Gnade, durch die er zum angenommenen Sohn Gottes, zum Erben Gottes und Miterben Christi wird.

Viertens wird ihm das weiße Gewand überreicht, mit der Mahnung, es bis zum Tod rein und makellos zu bewahren. Fünftens wird ihm auch eine brennende Kerze übergeben, die die guten Werke bezeichnet, welche der Getaufte im Lauf seines Lebens zur Unschuld des Wandels hinzufügen soll, die durch das kurz zuvor empfangene weiße Gewand versinnbildlicht wird. So spricht nämlich Jesus Christus im Evangelium: „Euer Licht leuchte vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5,16).

Dies sind die wichtigsten Riten, welche die Kirche bei der Spendung der Taufe vollzieht. Andere, die für unser Thema nicht von Belang sind, übergehe ich. Wenn man darüber nachdenkt, kann jeder erkennen, ob er von der Taufe bis zum gegenwärtigen Jahr gut gelebt hat. Ich hege jedoch den ernsten Verdacht, dass es nur wenige geben wird, die alles erfüllt haben, was sie versprochen hatten und hätten verwirklichen sollen; denn „Viele sind berufen, wenige aber auserwählt; eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind es, die ihn finden“ (Mt 20,16).

Beginnen wir mit dem Glaubensbekenntnis. Wie viele Bauern, Arme und Tagelöhner gibt es, die das Glaubensbekenntnis nicht auswendig kennen, es niemals gelernt haben oder zwar die Worte aufsagen können, ohne ihren Sinn zu erfassen? Und doch antworteten sie bei der Taufe durch den Mund ihrer Paten, dass sie an alle Artikel des Glaubensbekenntnisses glaubten.

Wenn aber Paulus von Tarsus lehrt, dass Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohnen soll, wie könnte er dann im Herzen jener wohnen, die kaum imstande sind, die Worte des Glaubensbekenntnisses mechanisch zu wiederholen, ohne dass es irgendeinen Widerhall in ihrem Herzen findet? Und wenn, wie Simon Petrus sagt, „Gott durch den Glauben unsere Herzen reinigt“, wie schmutzig muss dann das Herz jener sein, die den Glauben Christi nicht in ihr Herz aufgenommen haben, auch wenn sie die Taufe an ihrem Leib empfangen haben?

Ich spreche von Erwachsenen, nicht von kleinen Kindern; diese werden nämlich durch die Gaben der heiligmachenden Gnade sowie des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe gerecht gemacht. Wenn sie aber heranwachsen, müssen sie das Glaubensbekenntnis lernen, den christlichen Glauben in ihr Herz aufnehmen und ihn offen mit Worten bekennen, „um die Gnade zu erlangen, die gerecht macht“, wie der Apostel im Brief an die Römer mit größter Genauigkeit lehrt.

Kommen wir nun zum zweiten Ritus. Alle Christen antworten – persönlich oder durch den Paten gefragt, ob sie dem Teufel, seinen Werken und seinen Eitelkeiten widersagen –: „Ich widersage.“ Doch wie viele gibt es in Wahrheit, die nur mit Worten widersagen und nicht mit Taten? Oder besser gesagt: wie wenige sind es, die tatsächlich fortfahren, den Teufel, seine Eitelkeiten und seine Werke von ganzem Herzen zu lieben? Doch Gott sieht alles, und man kann ihn nicht täuschen. Wer also wirklich gut leben und gut sterben möchte, muss sich in die Kammer seines Herzens zurückziehen und ohne Selbstbetrug ernsthaft und aufmerksam bedenken, ob er Gefallen an den Eitelkeiten dieser Welt findet, ob er den Werken des Dämons, das heißt den Sünden, Raum gegeben hat – im Herzen, mit Worten und mit Werken. So wird er entweder durch ein gutes Gewissen getröstet oder durch das Bewusstsein seines schlechten Gewissens zur Reue bewegt werden.

Im dritten Ritus der Taufe wird die Gabe Gottes hervorgehoben – so erhaben, grenzenlos und unermesslich in Höhe und Weite, dass wir nichts darbringen können, was einer so großen Gabe würdig wäre, selbst wenn wir Tage und Nächte damit verbringen würden, Gott dafür zu loben und ihm zu danken. O Güte Gottes! Wer könnte es begreifen, wer nicht darüber staunen, wer würde nicht innerlich erschüttert werden beim Gedanken, dass ein Mensch, der mit Recht zur Hölle verurteilt war, im selben Augenblick, da er die Taufe Christi empfängt, aus einem verachtenswerten Zustand der Armut in den eines überaus glücklichen Erben des Himmelreiches übergeht?

Doch je größer diese Gabe ist, desto beklagenswerter ist die Undankbarkeit vieler. Denn nicht wenige geraten, sobald sie das Vernunftalter erreicht haben und fähig wären, eine solche Gabe zu würdigen, in die Lage, auf sie zu verzichten und sich dem Dämon als Sklaven auszuliefern. Denn von der frühen Jugend an der Begierde des Fleisches, der Begierde der Augen und dem Hochmut des Lebens zu folgen – was ist das anderes, als mit dem Dämon ein Bündnis der Freundschaft zu schließen und mit den Werken die Herrschaft Christi wirklich zu verleugnen? Wenige sind es, die, durch eine besondere göttliche Hilfe gestützt, die in der Taufe empfangene heiligmachende Gnade sorgfältig bewahren und, wie Klagelieder Jeremias sagt, beginnen, „das Joch des Herrn von Jugend auf zu tragen“ (Klgl 3,27). Wenn wir aber die Taufgnade nicht sorgsam bewahren, dem Dämon nicht erneut durch aufrichtige Bekehrung widersagen und uns nicht unter die Herrschaft Christi stellen, indem wir darin bis zum Tod verharren, werden wir weder gut leben noch einem unglücklichen Tod entrinnen können.

Die vierte im Taufritus vorgesehene Zeremonie findet statt, wenn der Getaufte ein weißes Gewand empfängt und ihm gesagt wird, er solle es unversehrt bewahren, bis er vor Gott tritt. Wir haben gesagt, dass diese liturgische Handlung bedeutet, die Unschuld des Lebens, Frucht der Taufgnade, bis zum Tod mit größter Sorgfalt zu bewahren. Doch wie soll man beschreiben, wie zahlreich die Nachstellungen des Teufels sind, jenes uralten Feindes des Menschengeschlechts, der unablässig darauf aus ist, das Taufgewand zu beflecken? Daher muss man annehmen, dass die Zahl jener sehr klein ist, die bei längerem Leben imstande gewesen wären, die Flecken der Sünde zu vermeiden.

Gewiss hat der heilige König David selig gepriesen, die auf ihrem Weg ohne Makel bleiben (Ps 119,1). Doch je größer die Schwierigkeit ist, auf einem schmutzigen Weg unbefleckt zu gehen, desto herrlicher wird die Krone sein, die ein in Unschuld gelebtes Leben belohnt. Alle, die gut leben und glücklich sterben möchten, müssen mit allen Kräften das Gewand der Taufunschuld ohne Makel bewahren.

Falls aber das Taufgewand durch irgendeinen Flecken beschmutzt worden ist, muss man es immer wieder weiß machen, indem man es im Blut des Lammes wäscht; das geschieht durch aufrichtige und vollkommene Reue sowie durch die Tränen der Buße. Gewiss hat der heilige David, nachdem er lange über seine Sünde geweint hatte, neue Hoffnung in der göttlichen Gnade geschöpft und zum Dank an den Herrn voll Vertrauen gesprochen: „Besprenge mich mit Ysop, dann werde ich rein; wasche mich, dann werde ich weißer als Schnee“ (Ps 51,9).

Die letzte Zeremonie des Taufritus besteht darin, eine brennende Kerze zu empfangen und in der Hand zu tragen. Wie wir bereits gesagt haben, bedeutet dies nichts anderes als die guten Werke, die mit der Unschuld des Lebens verbunden sein müssen. Der Apostel lehrt uns durch das Beispiel seines eigenen Lebens, welche guten Werke diejenigen vollbringen sollen, die durch die Taufe in Christus wiedergeboren worden sind, wenn er sagt: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt; nun liegt für mich die Krone der Gerechtigkeit bereit, die mir an jenem Tag der Herr, der gerechte Richter, geben wird“ (2 Tim 4,7–8).

So finden wir in wenigen Worten, mit größter Kürze, alle guten Werke aufgezählt, die jene vollbringen müssen, die durch die Taufe in Christus wiedergeboren wurden. Man muss nämlich kraftvoll gegen die Versuchungen des Teufels kämpfen, der wie ein brüllender Löwe umhergeht und sucht, wen er verschlingen kann (1 Petr 5,8). Man muss ferner den Lebensweg vollenden, indem man die Gebote Gottes hält: „Den Weg deiner Gebote laufe ich, wenn du mein Herz weit machst“ (Ps 119,32). Schließlich muss man dem Herrn treu bleiben, indem man die anvertrauten Talente fruchtbar macht, den Weinberg bestellt, die Verwaltung oder die Familie gut führt, die uns anvertraut wurde, oder kurz gesagt: indem jeder die Aufgabe erfüllt, die der Herr ihm übertragen hat.

Denn in höchster Weisheit will uns der Herr als angenommene Kinder (Adoptivkinder) aufnehmen und uns das im Himmel verheißene Erbe schenken; zugleich aber hat es der göttlichen Weisheit gefallen, dass wir dieses himmlische Erbe, das heißt die ewige Seligkeit, durch gute Werke verdienen, die wir mit Hilfe der göttlichen Gnade und unter Einsatz unserer Freiheit vollbringen. Deshalb wird das unendlich reiche und herrliche Erbe gewiss nicht der erlangen, der schläft, müßiggeht oder spielt, sondern jener, der wacht, sich müht und sein ganzes Leben hindurch in guten Werken beharrt.

Wer also gut leben und glücklich sterben will, der prüfe sorgfältig die Werke und Gewohnheiten seines Lebens. Wenn ihm das Gewissen bezeugt, dass er den guten Kampf gegen die Laster, gegen die Begierden und gegen alle Versuchungen der alten Schlange geführt hat, wenn es ihm bestätigt, dass er seinen Weg glücklich vollendet hat, indem er in der Erfüllung aller Gebote und Weisungen des Herrn ohne Abweichen verharrte, und dass er dem Herrn treu geblieben ist in allen ihm übertragenen Pflichten und Aufgaben, dann darf er sich mit Zuversicht freuen und mit dem Apostel sprechen: „Für mich liegt die Krone der Gerechtigkeit bereit, die mir der Herr an jenem Tag geben wird, der gerechte Richter“ (2 Tim 4,8).

Wenn aber jemand nach sorgfältiger Prüfung erkennt, dass er im Kampf mit dem Feind des Menschengeschlechts nicht leicht verwundet wurde, dass die feurigen Pfeile bis in das Innerste seiner Seele gedrungen sind, und dies nicht nur einmal, sondern mehrfach; wenn er ferner erkennt, dass er im Vollbringen guter Werke seinen Lauf nicht eifrig vollendet hat, sondern aus Müdigkeit am Weg sitzen blieb oder sich gar niederlegte; wenn er schließlich das Vertrauen des Herrn in den ihm anvertrauten Aufgaben nicht verdient hat, sondern ein Teil des Gewinns durch Eitelkeit, ungerechte Bevorzugung von Personen oder Ähnliches verloren ging, dann ist es notwendig, sogleich zur Heilung durch die Buße zu greifen, sich ohne jedes Zögern Gott selbst als dem Arzt anzuvertrauen und das schwerwiegendste aller Geschäfte nicht auf später zu verschieben, da wir weder Tag noch Stunde des Todes kennen.

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